Das Testament des Henkers. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Das Testament des Henkers.

Ein Bild aus der Heimatsgeschichte.

Ein obererzgebirgisches Kulturbild aus der Zeit des verheerendes dreißigjährigen Krieges (1618 - 1648) bietet uns die Niederschrift des Testamentes vom Annaberger Scharfrichter Matthes Schindler, wie sie ein Gerichtsbuch aus jener Zeit enthält. Es tritt darin ein Zeit- und Sittengemälde vor unser geistiges Auge, das ohne weitläufige Zergliederung seines Gesamtinhaltes schon für sich wirkt; betrachten wir aber doch zunächst einmal die näheren Umstände, unter denen jener "letzte Wille" entstand.

Im Frühling des Jahres 1634 - einem der schreckensvollsten des Krieges - waren nach der Ueberlieferung des Chronisten vom Annaberger Stadtgerichte fünf Todesurteile ausgesprochen worden: vier Verbrecher (zwei davon wurden wirklich, die beiden anderen nur "zum Schein" losgebeten) ließ man laufen und den fünften, "einen Steckenknecht", richtete man auf offenem Marktplatze hin. Nebenbei wurde am 8. April ein "hängenswürdiger Soldat" erstochen. Genug der Arbeit für den Henker gab es auch sonst noch beim "Staupenschlagen", "aufs Rad flechten" und anderen Prozeduren. Aber auch einen bösen Gast hatten die Landsknechte mit in die Stadt geschleppt: es war die Pest.

So sehen wir denn am 21. September 1634 kurz vor der Mittagszeit den Meister Matthes Schindler, selbst von der verheerenden Seuche gepackt und im Angesichte des Todes, dem er so manchen anderen überlieferte, angstvoll und pelzverhüllt vor der Tür seines Hauses an der Kleinen Sommerleite (jetzt Nr. 31) sitzen, um auf angemessene Entfernung wegen seines "letzten Willens" mit einigen, durch vieles Bitten bewogenen Bürgern unterhandeln zu können. Das übrige soll nachstehende, in möglichst lesbares Deutsch gebrachte Niederschrift besagen. Unter der Ueberschrift: "Matthes schindlers Scharff- und Nachrichters, Testament und letzter wille" lautet sie:

"Sonntags, den 21. September Anno 1634, zwischen 11 und 12 Uhr vormittags, hat Matthes Schindler, Scharf- und Nachrichter allhier, Samuel Jubizen, Esaias Weizendörffern, Martin Ohlhanns, alles genugsam beglaubte Bürger, und Hanß Ungern, Eines Ehrbaren Raths Ausreiter und Diener, zu sich vor die Henkerey am Stadtgraben, weil er mit der schädlichen Seuche der Pest behaftet und die Ehrbaren Gerichte deswegen zu ihm zu gehen Bedenken gehabt, nach vielen Bitten als Zeugen zu dem Zwecke, daß er vor denselben seinen letzten Willen testamentsweise aufrichten wollen, erfordern lassen. Und als dieselben zu ihm kommen, hat er vor der Pforte sitzend mit seinem Alltagskleid und dem braunen Pelz angezogen, obwohl er zwar etwas schwachen Leibes, doch bei guter vollkommener Vernunft, Sinnen und Verstand, deutlich ihnen angemeldet, daß er sich wie andere Menschen seiner Sterblichkeit erinnere und darnach seine Seele im wahren Glauben seinem Herrn und Erlöser Jesu Christo seinen Leib der Erden, die unser aller Mutter ist, christlichem Gebrauche nach zu bestatten, befohlen haben wolle. Seine ganze zeitliche Verlassenschaft: an Barschaft, Schulden, Zinn-, Kupfer- und Messinggefäßen, Heergewette und alle demjenigen, was er nach seinem Absterben hinterlassen würde, nichts davon ausgeschlossen, wie es auch immer Namen haben möge, belangend; dazu setzt er sein liebes Weib Maria zum einzigen Erben ein, wie solches nach jeder Richtung hin am Besten geschehen könne, solle oder möge und wolle, daß ihr solches nach seinem Tode allein sein und verbleiben solle.

Doch also und dergestalt, daß sie seinem Bruder Kaspar Schindler in St. Joachimsthal, wegen des Schwarzenbergischen Dienstes, nach seinem Tode dreihundert Gülden geben und entrichten. Ingleichen von dem Heergewette: sein Schwert, Pferd mit Zaum, Sattel und Pistolen und das neue gelblinnern Kleid folgen; seiner Schwester aber fünf Gülden entrichten, damit sie dann allerseits begnügt und zufrieden seien und an sein liebes Weib weiter keine Ansprüche haben, noch fernerhin beunruhigen sollen.

Welche beschehene Uebergabe sein liebes Weib Maria nebenst ihrem zu diesen Alten bestätigten Kriegischen Vormund (Name fehlt!) mit besonderem dank von ihrem lieben Hauswirt angenommen und durch ihren bemeldeten Kurator vor- und anbringen lassen, daß sie ihrem lieben Hauswirt alle ihr testamentarisch übergebenen Güter, falls sie vor ihm sterben sollte, dagegen wieder aufgelassen und übergeben, dagegen aber und als Entschädigung solcher Beschenkung, ihre Gerade und weibliche Ausstattung danebenst dem am Schlusse befindlichen Inventarienverzeichnisse, am Orte in die Hände gegeben und ein weiteres nicht als zum Lebensbedarfe, und daß er ihren nächsten Freunden fünf Gülden geben und reichen solle, sich vorbehalten wissen wolle.

Der Ehemann nahm dies gleichfalls zu Dank an: und haben darauf beide Eheleute, auf den Fall gleichzeitigen Versterbens, weiterhin vereinbart, daß dann des Mannes Bruder Kaspar Schindler zu ihrer beiden ganzen Verlassenschaft, nicht das geringste ausgeschlossen, wie solches immer Namen haben möge, zum Alleinerben hiermit eingesetzt und ernannt sein, davon er aber seiner Schwester nicht mehr denn fünf Gülden, wie denn auch seines Weibes Marien wegen der verschenkten Gerade nächsten Freunden jedwedereinen fünf Gülden zu reichen und zu geben verbunden sein.

Hierauf die Zeugen freundt und vleißig bittende. Sie diesem seinen letzten Willen den Ehrbarn Gerichten also vorzutragen, solchen gebührlichen zu registrieren, dem Gerichtsbuch einzuverleiben und seine Erben dabei zu erhalten und zu schützen bittlichen zu ersuchen und anzulangen.

Wenn solches dann alles die hierzu erbetenden Zeugen den Ehrbarn Gerichten dato gerichtlicher
insinuiret und die ratification nomine testamentum hoc facientium gesucht und gebeten. Als ist dasselbe also dem gewöhnlichen Gerichtsbuch einzuverleiben, vom Herrn Stadtrichter Veit Wolffen befohlen worden. Geschehen im Jahre, Monat und Tag wie oben angegeben."


"Verzeichnis des verschenkten Heergewetts.


Ein Mantel von grauem Tuch.
— Ein  Pirschrohr (Jagdgewehr). — Und alles andere zum Heergewett gehörig, jetzt vorhanden oder künftig dazugebracht, ererbt und geschaffen werden mag.


Verzeichnis der verschenkten Gerade.


Neun güldene Ringe. — Ein Kettel mit 15 Stück Geld. — Drei Becher, zween vergüldet und ein unvergüldeter. — Eine silberne Schale. — Drei silberne Gürteln. — Ein gebettetes (d. h. vollständiges) Bett. — Eine grobgrüne Schaube (Kopfbedeckung) mit drei Schnüren. — Zwei Röcke, ein grün Perpetuan und ein grobgründer. — Samt andern zu der Gerade gehörigen Stücken, so jetzt vorhanden oder künftig noch dazu erebt, erworben, gebracht und geschafft werden mögen." —

So weit das Testament der Henkers-Eheleute, die nach damaliger Auffassung immerhin ziemlich wohlhabend waren. Zum besseren Verständnis des Vorstehenden sei nun noch folgendes erläutert:

Der sonst übliche Nachtrag des Richters über die Ausführung des Testaments fehlt auffallenderweise am Schlusse. Pestfurcht mag die dazu Verpflichteten an dieser Ausführung verhindert haben. Ebenso ist sonderbarer Weise der Name des "Kriegischen Vormunde" der Ehefrau — ein solcher wurde früher den  Witwen und Waisen bestellt; woher aber diese Bezeichnung stammt, hat sich mit Sicherheit nicht feststellen lassen — auch später weggelassen worden. Der Stand des Testators erforderte jedenfalls nach damaliger Ansicht diese Rücksichtnahme nicht oder es mag wohl auch das Ehepaar gleichzeitig von der Pest dahingerafft worden und sein Vermögen der Gemeinde anheimgefallen sein.

Die Bezeichnung Heergewette oder Heergerät bedeutet die nach altdeutschem Rechte aus dem Nachlasse eines Verstorbenen ausschließlich dem nächsten "Schwertmagen", d. i. dem in männlicher Linie von dem Erblasser abstammenden nächsten waffenfähigen Verwandten, zufallenden Stücke. Diese begriffen ursprünglich vorzugsweise die Waffen des Verstorbenen, später aber wurde in verschiedenen Ländern noch mehreres andere dazu gerechnet, worüber die Landrechte und Statuten die näheren Bestimmungen enthielten. Nach dem "Sachsenspiegel" gehörten zum Heergewette das beste Pferd mit Sattel und Zaum, der Harnisch, das Schwert, die tägliche Kleidung des Verstorbenen, der Heerpfühl mit zwei Bettüchern, ein Tischtuch, zwei Becken, ein Fischkessel, ein Handtuch und ein Schüsselring oder Dreifuß.

In betreff der sogenannten "Gerade", zu der hauptsächlich Hausgerät, Wäsche, Schmuckstücke nebst den zu deren Aufbewahrung dienenden Truhen und sonstigen Behältern gehörten, fand zugunsten der weiblichen oder geistlichen Familienglieder (weil letztere keine Waffen tragen durften) eine ähnliche Abweichung von der gemeinen Erbfolge statt, wie bezüglich des Heergewettes zugunsten der wehrhaften männlichen Verwandten. Hinsichtlich des Ueberganges der "Gerade" kamen infolge der sehr verschiedenartigen Partikularbestimmungen über den Umfang derselben oft — und zwar bis weit in das vorige Jahrhundert hinein — zwischen erbenden Familiengliedern und Ortsbehörden, die bei Wohnungswechsel ersterer zumeist eine bestimmte prozentuale Abgabe aus demselben genossen, oder auch zwischen den Behörden des Anzugs- und des Abzugsortes langandauernde Streitigkeiten vor.

Aber aus mannigfachen Einzelheiten ersehen wir auch, daß schon seit Jahrhunderten die "gute alte Zeit", die sich den Blicken des Kulturgeschichtsfreundes in immer weiter zurückliegende Fernen und schließlich in graues Nichts zu entrücken weiß nur ein Phantom aller derer gewesen ist, die weder tieferes Wissen noch Erfahrung aus eigenem Triebe sammelten und nur eine uralte Redensart anwandten, um durch eine tatsächliche oder wohl auch böswillig verneinte Unkenntnis der wirtschaftlichen Verhältnisse unserer Verfahren ihre Mitlebenden gewissenlos über bestehende Mißverhältnisse der Gegenwart hinwegzutäuschen-

—m—


Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 43 v. 24. Oktober 1926


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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 119. Jahrgang, Nr. 43, 24. Oktober 1926, S. 5

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